Interview: Hinter den digitalen Barrikaden

Interview mit Eva Grigori

(Kurzfassung dieses Interviews wird in den nächsten Tagen in der Unique #11/2011 veröffentlicht, hier die extended Version mit Bonus Tracks & in full HD !!11!)

Der Wiener @porrporr ist aus der deutschsprachigen, systemkritischen Twitteria längst nicht mehr wegzudenken. Im Interview mit UNIQUE spricht er über seine Motivation, Online-Aktivismus und dessen Grenzen.

Spätestens seit #unibrennt, haben die meisten „Offliner_innen“ etwas von Twitter gehört. In Österreich sind es mindestes 45.000 angemeldete Nutzer_innen, die auf den Mikroblogging-Dienst zurückgreifen. Eine der populärsten Gestalten unter linkenTwitterer_innen ist @porrporr, dessen Avatar – eine grüne Gehirnschnecke – zum Symbol zuverlässiger Informationen über soziale Bewegungen und Social Media geworden ist. Über 2.100 Personen lesen mit, wenn @porrporr twittert.


Zum Warmwerden: Wer ist @porrporr – online und offline?

Meinen Account habe ich im Mai 2009 angelegt, ursprünglich, um ein neues Service, dasFreund_innen nutzten, auszuprobieren. Mittlerweile ist Twitter zum mächtigen Info-Ninja Werkzeug geworden, mit dem ich versuche unterrepräsentierte, meist politische Inhalte mehr Leuten zugänglich zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass ich etwas genervt über die undogmatische Politszene, in der ich jahrelang aktiv war, mit ihrer ewigen Abschottung nach „außen” war. Jenseits des Internets lebe ich seit zehn Jahren in Wien, arbeite im Bereich der Sozialarbeit und versuche derzeit mein Studium zu beenden.

Was ist Sinn und Zweck von Twitter für dich?

Twitter ist für mich DER perfekte Info-Stream. Ich kann mir sehr exakt zusammenstellen welche Leute ich interessant finde und dadurch auch welche Informationen in meiner Timeline aufscheinen. Zusätzlich bietet Twitter sehr zeitnahe Informationen von Ereignissen. Oftmals gibt es Informationen bereits ein oder zwei Tage, bevor die Printmedien sie verkürzt auf tote Bäume drucken.

Ich habe an anderer Stelle gelesen, du siehst #unibrennt „als Grundstein für die Politisierung vieler Menschen“. Kannst du das ein wenig ausführen? Worin besteht für dich dieses „politisch sein“ bzw. wohin führt es deiner Meinung nach?

Robert Foltin schreibt in seinem neuen Buch – „Und wir bewegen uns noch – Zur jüngeren Geschichte sozialer Bewegungen in Österreich“  im ersten Satz: „Hätte es die unibrennt-Bewegung nicht gegeben, hätte ich wahrscheinlich keine Fortsetzung von ‚und wir bewegen uns doch‚ geschrieben.“ Die #unibrennt Bewegung hat aufgezeigt, dass die politische Arbeit von vielen Gruppen in Wien Spuren hinterlässt. Es gab einen enormen Know-How-Transfer über Generationen und Gruppengrenzen hinweg. Das besetzte Audimax hat in Österreich wohl auf verschiedensten Ebenen social media tools im Live Einsatz präsentiert und bekannt(er) gemacht. Dieser studentisch dominierte Protest ist leider wie viele Kämpfe an österreichischen Unis hinsichtlich seiner Forderungen gescheitert. Was aber viel wichtiger ist, sind die Netzwerke die entstanden sind. Es ist wohl nur ein Bruchteil an Aktivist_innen die nachhaltig politisiert wurden. Diese Leute aber sind enorm wichtig, um gegen den gruseligen österreichischen Normalzustand anzukämpfen.

Welche Rolle spielt deines Erachtens Twitter als Polit-Tool im deutschsprachigen Raum?

Ich glaube, ich überschätze dieses Tool ständig, weil es für mich persönlich so zentral ist. Grundsätzlich ist es ein sehr elitäres Netzwerk, das relativ unbekannt, aber dennoch von vielen einflussreichen Menschen genutzt wird. Twitter schafft die Möglichkeit, mit Themen Medienleute zu erreichen, die sie über andere Kanäle oft nicht wahrgenommen hätten. Für Demos und andere Aktionen im Meatspace (Anm.: Offline-Welt) hat Twitter meiner Einschätzung nach viel Potential, weil es als Liveticker ziemlich gut funktioniert. In Kombination mit anderen Tools kann es den Aktionsspielraum auf der Straße erweitern. Es darf natürlich nicht vergessen werden, dass Smartphones immer noch relativ teuer sind und viele Leute keine solchen Telefone haben. Menschen ohne Smartphones dürfen nicht vom Infofluss ausgeschlossen werden. Der beim #sbsm Camp von Mag Wompel verwendete Begriff des Hyperaktivismus ist auch ein Problemfeld, das mehr thematisiert gehört. Durch größere Verfügbarkeit von Multimedia-Geräten werden viele Informationen (Bilder, Videos, Infos) ungefiltert online gestellt. Hierbei wird oft vergessen, welche Folgen es unter Umständen für Aktivist_innen haben kann. Die Polizei und auch politische Genger_innen lesen mit!

Wie verhält es sich aus deiner Perspektive mit der Schnelllebigkeit von Information, gibt es ein digitales Gedächtnis? Mir zumindest geht es oft so, dass ich auf Twitter öfters denke: „was wurde eigentlich aus…?“ und keinerlei Infos mehr finde.

Ich habe oft die gleiche Frage! Leider passe ich meine Aufmerksamkeitsspanne viel zu oft dem Tempo der Printmedien an. Wichtige Themen werden stündlich von der ständig nachströmenden Infolawine verschüttet! Eigentlich sollten wir aber viel mehr darauf achten, dieses Tempo nicht zu übernehmen!

Wie muss eins als Twitter-User_in (sowohl twitternd als auch lesend) mit der Richtigkeit von Informationen umgehen? Gibt es Filter? Lernen Twitter-User_innen, skeptischer gegenüber Nachrichten zu sein als andere „Offliner_innen“?

Ich denke hier gilt die gleiche Regel wie überall, möglichst viele verschiedene Quellen nutzen um selber besser entscheiden zu können, welche Informationen korrekt sind und auch weitergegeben werden sollten. Ich habe das Gefühl, dass die Qualität auf Twitter (noch) höher ist als in anderen Netzwerken. Somit ist die Wahrscheinlichkeit vermutlich höher mehr kritische bzw. reflektierte Leute zu lesen. Und im Idealfall führt dies dann zu einem kritischeren Medienkonsum bei einzelnen Personen.

Vielleicht für jene Leser_innen, die jetzt auf Twitter neugierig geworden sind: Wie ist es zu twittern?

Aufregend, interessant, amüsant – manchmal auch frustrierend. Ich möchte an dieser Stelle auf den Artikel im „Soziale Bewegungen und Social Media“-Buch verweisen den ich zusammen mit Andreas Görg geschrieben habe. Der Text versucht ein paar Tipps zu geben wie man/frau einen eigenen Kanal zusamenbasteln könnte / an was dabei zu denken ist: http://tinyurl.com/donthatethemedia

Deine online Identität wurde einmal so schön als „Nachrichtenagentur des Widerstand“ (Werner Reiter) umschrieben. Gleichzeitig nutzt du deinen Account ja durchaus auch für „persönliche“ Anmerkungen, musikalische Finessen etc. Hand aufs Herz: Wie viel Narzissmus, wie viel Wunsch nach sozialer Bewegung steckt in @porrporr?

Es ist mir wichtig Reaktionen zu bekommen. Ein Netzwerk in das ich viel rein investiere und nichts zurückbekomme funktioniert für mich nicht. Bei Selbstverliebtheit denke ich vor allem an meinen Blip.fm Account. Ich denke tatsächlich, dass ich einen guten Musikgeschmack habe, aber sonst hoffe ich nicht sonderlich narzisstisch rüber zu kommen. Ich sehe mich als Teil und Verstärker von emanzipatorischen Bewegungen. Der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung war der Ausgangspunkt und ist weiterhin Treibstoff für das Weitermachen.

Gibt es ein Suchtverhalten?

Ja, ein legitimes: Wir haben das Glück unglaubliche Mengen an Musik, Filmen, Literatur, Diskussionen, Anleitungen usw. nur drei Klicks entfernt abrufbereit zu haben. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass das gute Leben nicht am Bildschirm stattfindet!

„Social media can’t provide what social change has always required.“ schreibt The New Yorker. Was hältst du davon?

Social Media wird politisch gesehen kaum Potential für Veränderungen schaffen können ohne Menschen, die sich gut kennen und vertrauen und quasi auf der Straße bzw. im analogen Leben ihren Unmut kundtun. Bildet analoge Banden!

Was würde „social change“ dir bedeuten?

Soziale Veränderung verbinde ich mit dem Beseitigen von Grenzen auf vielen Ebenen. Um den Rahmen nicht zu sprengen nur ein paar Schlagworte, Ideen: Gleichstellung von Mann* und Frau* bedingungsloses Grundeinkommen, Bewegungsfreiheit für alle Menschen, freier Zugang zum Bildungssystem für alle, gratis öffentliche Verkehrsmittel usw.

Hast du eine Einschätzung zum Verhältnis von „traditionellem“ Journalismus und Twitter?

Sehr viele Menschen aus den “traditionellen” Medien (Print, Rundfunk) sind auch auf Twitter vertreten, bekommen überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit und haben somit auch dort einen großen Einfluss auf Meinungsbildung. Ich denke viele Journalist_innen sehen Twitter als Win-Win-Situation, sie holen sich dort Infos ab, die sie leicht abgewandelt oder übersetzt übernehmen und können auch noch ihre eigenen Produkte promoten. Schön langsam fangen die ersten Medien an Twitter auf ihren Webseiten einzubinden, mal sehen wie das weitergeht und zu was das führt.

Ich habe einen sehr interessanten Hinweis von Peter Glaser, auf futerzone.at gelesen: „Die eigentliche Illusion aber ist, dass es sich bei Google+, Facebook, Twitter und Konsorten um öffentlichen Raum handle. Es sind Unternehmensbereiche, die sich vielleicht anfühlen wie öffentlicher Raum, in denen aber das Hausrecht des Betreibers gilt. Was sich nun mit den sozialen Netzen vollzieht, ist eine bislang beispiellose Privatisierung von Öffentlichkeit (auch wenn innerhalb dieses privatisierten Bereichs neue Formen von Öffentlichkeit entstehen).“ Fällt dir dazu etwas ein?

Viele Menschen investieren viel Zeit und Mühe in ihre Online Identitäten und ihre Channels. All der Content ist aber abhängig vom Provider der Infrastruktur. Was ist wenn morgen Facebook, G+ und Twitter einfach abgeschaltet werden oder grundlegende Regeln ändern ? Es ist wichtig, autonome(re) Informationsstrukturen zu nutzen, zu stärken und zu kennen! Beispiele: Diaspora (statt Facebook / G+), Identi.ca (statt Twitter), NoBlogs.org (statt wordpress, blogspot, tumblr & co), Riseup.net (statt Gmail, Gmx & Co).

Einige in den letzten Monaten populäre politische Hashtags zur Markierung von Aktivismus fallen mir ein – sowohl Wien bezogen als auch international. Magst du zu ihnen/einigen etwas sagen oder ggf. sie ergänzen mit Hinweisen, warum diese für Twitter als Polit-Tool relevant waren?

#purplesheep
Dieses anti-rassistische Projekt hat es kurzfristig geschafft das menschenverachtende Abschieberegime in den Medien zu thematisieren. Schwerpunkt waren halt brave gut integrierte Familien.

#anonymous
Interessantes Kollektiv, das es schafft international zusammenzuarbeiten und mit ihren Aktionen oft viel Medienaufmerksamkeit auf sich und somit ihre Ziele zu lenken. Anonymous schafft es online activism und traditionelle Protestformen zu vereinen (Aktionen gegen Scientology, Occupy Wallstreet)

#occupy
Eine Bewegung die sich relativ schnell grenzüberschreitend ausgebreitet hat, trotz massiver Repression in vielen Ländern weiterhin angewachsen ist und das V for Vendetta Motto: “People should not be afraid of their governments. Governments should be afraid of their people.” teilweise in die Tat umgesetzt hat.

#wikileaks
Beeindruckend wie eine relativ kleine Gruppe mit einer Website fast sämtliche Regierungen der Welt in Panik versetzen konnte. Den Slogan „Der Staat ist die gefährlichste terroristische Organisation” finde ich da ganz passend. Es hat sich aber auch gezeigt wie schnell eine so mächtige Website scheitern kann wenn autoritäre Machtstrukturen innerhalb der Organisation Einzug halten.

#piraten
Nein danke!

#epizentrum
Die längste Hausbesetzung in Wien seit vielen vielen Jahren. Hoffnung auf ein autonomes Kommunikations- und Kulturzentrum. Die rot-grüne Stadtregierung ist aber einfach zu feige, wie es scheint. Was wäre Wien ohne die aus Besetzungen entstandenen Kulturprojekte und aus dieser Zeit aktive Kunstschaffende ? Autonomes Zentrum, jetzt – sofort !

Und zum Schluss: Ein paar Empfehlungen!

Ich verweise auf zwei Twitter Listen von mir:

Progressive Politix: http://tinyurl.com/polittwitteria

Follow Friday: http://tinyurl.com/porrporrff

 

Um am Ende des Interviews noch etwas Pyrotechnik zu zünden: Mein lang angekündigtes Blogprojekt sei hiermit gestartet: http://noborders.noblogs.org

Weitere Social Media Kanäle von @porrporr finden sich auf: http://tinyurl.com/porrporr

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3 Kommentare

  1. Am 27. Januar 2012 um 1:46 am Uhr veröffentlicht | Permalink

    zweiter!11!1!

    .. was hast du den gegen die piraten, mein guter genosse? =)

    • Am 29. Januar 2012 um 10:09 am Uhr veröffentlicht | Permalink

      das „erster“ bezog sich wohl auf „erstes kommentar am blog“ wenn du dich etrwas umschaust wird schnell klar es gibt schon mehr als zwei ;-)

      Der erste Moment wo ich mit der Truppe ziemlich abgeschlossen habe, war nachdem ich ihren Bundeskongress (2010?) im Livestream angeschaut habe. Das war der, wo sich zuerst keine Frau für das Amt des/der Bundesvorsitzenden aufstellen lies. Dann hat sich Lena dazu enschlossen dies Abenteuer zu wagen. Was dann an Argumentation gegen sie passierte war ein Gruselkabinett, dass einem ähnlichen Setting bei konservativen bis rechtsextremen Parteien um wenig im Sexismus nachstand.

      Somit Topic 1: postgender (wir beschäftigen uns nichtmit unserem enormen Sexismus Problem – wir haben einfach keines)

      Topic 2: Ich denke da brauch ich nicht ausholen, dass hast du bestimmt selber gut mitbekommen. Toleranz gegenüber Neonazis / „ehemaligen“ Neonazis innerhalb der Partei. Und in dem einen Fall Ausschluss Sanktionierung gegenüber jemand antifaschistischen der einem solchen sein Piratenemblem runtergerissen hat..

      Das Interview der .at Piraten zum Jubilläum der Grünen hats auch sehr schön auf dem Punkt gebracht. Das einzige was die Männerrunde in ihrem Kellerlokal rauszukotzen hatte war plumper Anti-Feminismus…

  2. accutus
    Am 26. November 2011 um 6:02 pm Uhr veröffentlicht | Permalink

    erster

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